Notizbücher der Emilie Osiander

21. Mai 2026 | |

Der Name Osiander ist nicht allein in evangelischen Kreisen bekannt. Manche denken an die württembergische Theologenfamilie, die sich auf den Reformator Andreas Osiander zurückführen lässt. Manche denken an die 1596 gegründete Buchhandlung, die es heute mit vielen Filialen gibt. Und Wikipedia kennt allein 26 Namensträger Osiander, wobei darunter mit einer ehemaligen Botschafterin nur eine einzige Frau verzeichnet ist.

Eine zweite Frau mit Namen Osiander fehlt ganz in dieser Auflistung – Emilie Osiander. Ihr Name taucht zwar immer mal wieder in der Literatur auf, wenn man sich mit der Geschichte der Berliner Stadtmission befasst, man wusste jedoch kaum Genaueres von ihr.

Hier hat nun ein unerwarteter Fund im Evangelischen Archiv Baden und Württemberg für mehr Klarheit gesorgt. Geholfen hat dabei der Kalliope-Verbund, ein sehr nützliches Online-Hilfsmittel für die Recherche zu Nachlässen und Autographen. In den entsprechenden Stuttgarter Beständen finden sich im sog. Knapp-Archiv (Signatur D 2) insgesamt 13 Akten zu Emilie Osiander! Es ist ein kleiner persönlicher Nachlass, der, wie der Name schon sagt, über die Familie Knapp ins Archiv gekommen war.

Der Lebensweg von Emilie Osiander ist bemerkenswert, er weist über Württemberg hinaus. Ihr Vater, Pfarrer Karl August Osiander, verstarb im Herbst 1834, noch vor ihrer Geburt am 11. Juni 1835. Ihre Mutter, Agnes Osiander, heiratete den verwitweten Stuttgarter Stadtpfarrer und Lieddichter Albert Knapp. Das Verhältnis zu ihrem Stiefvater und der Familie Knapp war ihr ganzes Leben sehr eng. Nach Stationen in Königsfeld, wo Emilie als Lehrerin arbeitete, und in Bad Boll, wo sie sich mehrere Monate bei Johann Christoph Blumhardt zur Erholung aufhielt, ging sie 1879 nach Berlin, um fortan für die Berliner Stadtmission zu arbeiten. Der Stadt und der Stadtmission blieb sie bis zu ihrem Tod am 8. Januar 1908 verbunden. Sie starb im Lazarusdiakonissenhaus in Berlin und wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.

Notizbucheintrag von Emilie Osiander vom Mai 1882. EABW, D2, Nr. 69 /6.

Der Nachlass enthält nun nicht allein persönliche Unterlagen, etwa Briefwechsel mit der Familie. Wichtiger sind die unter der Signatur D2-69 verwahrten Notizbücher, die einen lebendigen Einblick in ihre Arbeit geben. Emilie Osiander bewegte sich im Umfeld der 1877 gegründeten Berliner Stadtmission, die von Hofprediger Adolf Stoecker geprägt war. Für die Stadtmission kümmerte sich Emilie um Menschen, die in Not geraten waren, die Hilfe brauchten und suchten. In fünf umfangreichen Notizbüchern hat sie Namen von betreuten Personen notiert, deren persönliches Schicksal und wie man helfen konnte. Dabei fallen Stichworte wie „Moabit“, womit das dortige Frauengefängnis gemeint ist, die neue und alte „Charité“, wobei es hier um die Abteilung für Geschlechtskrankheiten geht, aber auch die Namen der diakonischen Einrichtungen, die sich mit der sog. Magdalenenarbeit beschäftigen, z. B. „Bethabara“ oder „Siloah“.

So sind diese Notizbücher ein besonderer Fund, der uns ins Herz der Arbeit der Inneren Mission im damaligen Berlin führt. Eine erste Auswertung erfolgt im Rahmen eines Aufsatzes zur Berliner Stadtmission, der 2027 erscheinen wird.

Der Beitrag ist ein Gastbeitrag unseres Archivnutzers Prof. Dr. Norbert Friedrich.

Die Notizbücher können hier online eingesehen werden:

69-1 – Emilie Osiander – 1892-1895 
69-2 – Emilie Osiander – 1885-1891 
69-3 – Emilie Osiander – 1887-1888 
69-4 – Emilie Osiander – 1889-1902 
69-5 – Emilie Osiander – 1887-1896 
69-6 – Emilie Osiander – 1882-1887