Ein Zauberbuch im Pfarrarchiv Erligheim

22. Juni 2026 | |

Vor Kurzem hat die Kirchengemeinde Erligheim ihr Pfarrarchiv zur Verwahrung und Verwaltung an unser Archiv abgegeben. Neben den üblichen Register- und Protokollbänden sowie den nach dem Sachaktenplan abgelegten Akten finden sich in Pfarrarchiven oft auch Bände oder Unterlagen, die nicht ganz in dieses Schema passen. So befindet sich im Archiv des Pfarramts von Erligheim als Inventarnummer 26 ein etwa 300 Seiten starker Band im Querformat, der im Inventar als Merk-, Rezept- und Zauberbuch bezeichnet wird. Der nicht im Pfarramt entstandene Band wurde von den 1820er bis in die 1860er Jahre als Merkbuch verwendet, wie die wenigen vorhandenen Jahreszahlen erkennen lassen. Etliche Seiten mit Regeln und Aufgaben des Rechnens, die vermutlich aus einem Lehrbuch übernommen wurden, lassen vermuten, dass der Verfasser Lehrer im Ort gewesen sein könnte. Damals war der 1792 als Sohn seines Amtsvorgängers geborene Christoph Melchior Kleinbub Schulmeister in Erligheim. Laut den Pfarrberichten war er von 1815 bis 1867 im Amt. Es ist jedoch nicht einmal sicher, ob die Handschrift überhaupt in Erligheim entstanden ist. Der Weg, auf dem der Band zwischen die Unterlagen des Pfarramts gelangte, ist derzeit nicht bekannt. Neben den Rechenregeln und -übungen enthält der Band viele Sprüche, Rezepte und Hinweise aus dem Bereich des medizinischen Volksglaubens bzw. Volksaberglaubens. Hier soll man allerlei Problemen abgeholfen werden können: Zahnschmerzen, Kopfschmerzen, Viehkrankheiten, Blutungen. Es werden sichere Mittel angegeben, um das eigene Glück zu steigern: Man kann sich unsichtbar machen, unfehlbare Kugeln gießen, andere in sich verliebt machen, Diebe und Feuer fernhalten, Geld anziehen, verschlossene Türen öffnen, bei Nacht sehen wie am Tag und vieles mehr. Wenn man einzelne der Segenssprüche testweise über Google recherchiert, stößt man einerseits auf das Romanus-Büchlein, das erstmals 1788 gedruckt wurde und sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute. Dessen Spruchgut hat meistens einen Bezug zum Christentum. Eine andere Spur führt zu einem Werk namens „Ägyptische Geheimnisse”, das ebenfalls im 18. Jahrhundert erstmals gedruckt wurde und fälschlicherweise Albertus Magnus zugeschrieben wurde. Nicht alle Rezepte und Sprüche lassen sich solchen gedruckten Werken leicht zuordnen, aber die Quellen ließen sich mit etwas Mühe vermutlich ermitteln. In jedem Fall wird deutlich, dass die „Entzauberung der Welt” (Max Weber), die Rationalisierung und Modernisierung, die normalerweise mit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht wird, noch nicht überall wirkmächtig war. Aufgrund der Ohnmacht der Medizin gegenüber vielen Krankheiten oder der Hartnäckigkeit des Irrationalen gab es möglicherweise noch einen Markt für zahllose überkommene Deutungsmuster, volksmedizinische Heilmittel und sonstige Hilfsmittel.