Helmut Thielickes Gedanken zur Zerstörung der Stuttgarter Stiftskirche vor 82 Jahren
Bei der Verzeichnung des Nachlasses von Karl Hartenstein (D 23) fand sich ein interessantes Dokument, welches zeitgenössische Überlegungen unter dem Eindruck der Zerstörung der Stuttgarter Stiftskirche enthält. Zur 82ten Wiederkehr des Datums der Zerstörung und angesichts der gegenwärtigen Weltlage wollen wir einige Gedanken dieses Dokuments wiedergeben.
Am 25. Juli 1944 bombardierten die britische Royal Air Force und die US Air Force Stuttgart erstmals mit einem Flächenbombardement. Dabei starben über 800 Menschen und mehr als 1 900 wurden verletzt. Zahlreiche Gebäude wurden zerstört oder brannten aus. Dabei wurde auch die Stiftskirche zerstört. Der Stuttgarter Prälat Dr. Karl Hartenstein schrieb am 4. August 1944 dazu an den Evangelischen Oberkirchenrat in Großheppach: „Stiftskirche völlig zerstört. Stiftspfarrhaus völlig zerstört. Stiftsgemeindehaus erhalten, für Gottesdienst benutzbar. Unvergesslicher Gottesdienst am 30. Juli. Stpf. Pfeiffle zieht voraussichtlich zu Dr. med. Gauß, Paulinenstrasse 32, wohnt z. Z. im Stiftsgemeindehaus. Prälat Hartenstein will in der Woche vom 21. Bis 28. August in die Wohnung von Direktor Dr. Müller Gänsheidestrasse 29 übersiedeln, dann Frage einer regelmäßigen Predigtstätte für den Stiftspfarrer (vielleicht Garnisionkirche zu regeln. Dr. Thielicke wohnt vorerst Lenzheide 67 bei Fürstin von Urach.“ (Signatur D23 6, Nachlass Hartenstein, Karl).
Nach der zweiten flächenmäßigen Bombardierung am 14. September 1944, bei der auch das Stiftsgemeindehaus völlig zerstört wurde, hielt Helmut Thielicke in Bad Cannstatt anlässlich der Wiederaufnahme der Stiftskirchenvorträge einen Nachruf auf die Kirche. (Signatur D23 6) Zunächst beschrieb er die Angst der Gottesdienstbesucher der Stiftskirche vor den Bombardierungen und das letzte gemeinsame Treffen. Thielicke vergleicht die Zeit zwischen dem Vortrag und der Zerstörung am 24. Juli mit einem See, auf dem ein Orkan stattfand. Er machte der „Vortragsgemeinde“ aber auch deutlich, dass sie nach vorne schauen solle. Er sagte: „Wir wissen nur eines: dass Gott uns durch die Niederbrüche zu seinen positiven Zielen führen will. Die einzig legitime Frage lautet deshalb nicht: ‚Warum hat Gott die Zerstörung seines Hauses zugelassen?‘, sondern: ‚Welche Aufgabe und welchen Anstoß will Gott uns mit all dem geben?‘“
Thielicke sagte in Anlehnung an Jesaja 10, dass Gott mit dem heiligen Rest der Menschen seine Schlachten schlägt, die im Ozean des Grauens nicht in der Liebe erkaltet sind. Gott habe die Gemeinde an die innerste Widerstandslinie des Glaubens geführt. Der heilige Rest kann weiterwirken, weil Gott in den Schwachen mächtig ist. Der Vortrag endet mit einem Blick nach vorne: Mit Gottes Hilfe werde die zersprengte Gemeinde die Kirche wieder aufbauen, die Gottes Lob verkünden soll. „Wir wollen die Hand an den Plug legen und nach vorne blicken, denn Gott hat uns ein riesiges Ackerland gegeben und die Luft ist voller Verheißungen.“ (S. 5)
Helmut Thielicke (1908–1986) war ein deutscher evangelischer Theologe, Prediger und Hochschullehrer, der mit seinen lebensnahen Auslegungen des christlichen Glaubens weit über akademische Kreise hinaus bekannt wurde. Besonders seine Predigten während des Zweiten Weltkriegs und seine Veröffentlichungen zu Fragen von Glaube, Ethik und Alltag machten ihn zu einer der prägenden theologischen Stimmen des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum.
Beitragsbild: Stiftskirche. Paul Hommel, Künzelsau. L 1 (Diakonisches Werk Württemberg), Nr. 4383










