Rückblick auf ein Jahr im Evangelischen Archiv Baden und Württemberg
Ein Jahr, das sind 12 Monate, 365 Tage. Je nachdem kann sich dieser Zeitraum ziehen, oder auch schnell hinfort eilen, flüchtig sein, aber auch Windhauch und ein ganzes Universum.
Ein solcher Zeitraum ist es auch, wie er im Inbegriff meines Freiwilligen Sozialen Jahres zu Ende geht. Beginnend am ersten September des Jahres 2025, findet nun in absehbarer Zeit, genauer gesagt am 31. August 2026, ein Zeitabschnitt sein Ende, welcher in meiner Welt der Erinnerung wohl noch sehr lange eine Rolle spielen wird: Meine Zeit im Evangelischen Archiv Baden und Württemberg.
Diese Zeit war geprägt nicht nur einzig durch das Erlernen neuer Erkenntnisse betreffend das Archivwesen im Allgemeinen, sondern auch neuer Begegnungen, und so manchen neuen Freundschaften, so dass sich die Erweiterung meines Horizontes nicht nur allein auf den Bereich der Bildung, in Sinne der geistigen Weiterbildung, sondern auch jener Form der zwischenmenschlichen bezieht. Bildung, das ist auch immer eine Form des Wachsens, der Erweiterung, der Ausdehnung des Status Quos; sehe ich nun in diesen letzten Tagen dieser langsam verstreichenden Zeit, so kann ich solches nur bestätigen: Ja, ich habe mich weitergebildet, und dies in jeder Form.
Ich erinnere mich nun gut an den Anfang meiner Zeit: „Glückliches Stuttgart, nimm freundlich den Fremdling mir auf!“ heißt es in einer Elegie Hölderlins, und eben jener Vers ist es, der diesen Anfang so treffend beschreibt, denn nichts weiteres wurde ich. Nehme ich noch die Worte eines Hermann Hesse hinzu, welcher in einem Gedicht einst davon sprach, wie jedem Anfang ein Zauber inne wohnt, so war mein Anfang nicht nur die überaus freundliche Aufnahme eines Fremdlings, sondern auch die eines guten Zaubers, denn die Art und Weise wie mir meine neuen Kolleg*innen mir damals entgegen traten, wie sie mit herzlicher Offenheit ihre Arbeitsbereiche zeigten und mich an die mir bevorstehenden Aufgaben und Tätigkeit heranführten, lag diesem Anfang wahrlich ein Zauber inne, ganz nach den Worten von Hesse.
Dieser Zauber sollte nicht geschwächt werden. Im Gegenteil er wuchs und wuchs. Ich bin grundsätzlich immer gerne zu Arbeit erschienen, und freute mich über jeden Nachlass, welchen ich bearbeiten durfte. Gerade eben die Nachlassbearbeitung war es, welche ich immer in Gesprächen über mein FSJ als das Spannendste meines Tätigkeitsfeldes erwähnte. Für mich persönlich hieß Nachlassbearbeitung, das Eintreten in eine längst verstrichene Zeit, die Kontaktaufnahme mit einem Zeitzeugen gewaltiger geschichtlicher Ereignisse, aber auch das Kennenlernen einer Person, die selbst Zeuge der Geschichte war, und in deren Akten und Unterlagen sich diese genau abzeichnete. Wie unterscheidet sich doch das Lesen davon, tatsächlich einen Gegenstand aus vergangener Zeit in den Händen zu halten? Oder anzufassen, was im Einklang der Zeit von einer längst verblichenen Person angefasst worden ist?
Die Gelegenheit jedenfalls, das von Nachfahren eingereichte Vermächtnis einer Person aus einer vergangenen Zeit für den Erhalt in der Zukunft zu konservieren, habe ich stets als eine besondere und wichtige Aufgabe befunden, deren Eigenschaften zum Erhalt eines menschlichen Lebens und somit als Zeugnisse nicht nur allgemeiner, sondern auch persönlicher Historie, erhalten bleiben. Dabei ein Teil dieses großen Prozesses, welcher so zum Erhalt und der Aufbewahrung eines Erbes beigetragen zu haben, ist für mich ein sehr schöner persönlicher Gedanke.
Mein Freiwilliges Soziales Jahr konnte ich bei der Jugendbauhütte im Bereich Denkmalschutz absolvieren. Die Trägerin veranstaltete während des Jahres mehrere Seminare, an denen ich teilnahm.
Im Vordergrund des Freiwilligen Jahres standen allerdings die Erfahrungen in der Einsatzstelle. Deswegen möchte ich auch diesen Abschnitt nutzen, um Ihnen liebe Leserschaft, meinen Dankauszusprechen, welcher auch den Kollegen gilt, die mir erlaubten für diesen Blog zu schreiben. Das Schreiben für diesen Blog war mir wohl im Nachhinein die Aufgabe, die mir am meisten am Herzen lag und deren Ausübung mich immer begeisterte. Ich habe dabei immer wieder versucht, über den Tellerrand meiner Beiträge hinauszusehen, um jedem verzeichneten Nachlass, jenes zuzuschreiben, was den Menschen dahinter in meinen Augen, das gewisse Etwas verlieh, und nicht nur seinen Nachlass, sondern ihn selbst zu einem Individuum machte. Es ging mir dabei immer mehr um das Wer als um das Was, auch wenn beides im Großen und Ganzen zusammenhängt. Dies vermag meinen Beiträgen zwar von dem gewohnten unterschieden haben, jedoch hoffe ich, dass sie nicht minder von Ihnen, werte Leserschafft, aufgenommen wurden.
Ein Jahr, kann das vieles sein: Es kommt auf, wirkt, durchdringt und dennoch zieht es vorbei, bleibt am Ende nicht weniger als ein Haschen nach Wind, wie man es schon in der Bibel lesen kann. Was bleibt von diesem Jahr, jener Spanne die nun zu Ende geht? Es ist die Erinnerung, die Erfahrung, im Rückblick, die Bilder und Szenen, die Dialoge und Gespräche, und dass was sich daraus ziehen lässt. Ein Jahr, das kann vieles sein, aber ist nur dann etwas wert, wenn aus dem War ein Wird entsteht, aus dem Wandel etwas Neues kommt. Denn wenn aus dem Beibehalten ein Erhalten wird, so bleibt und wird irgendwann der Kern, das Halten, vielleicht zum Halt, der sich zum Ziel zusammenfügt.




