Wenn der Pfarrer mit dem Wappen des Großherzogs siegelt: Ein Neuzugang für die Siegelsammlung
Ein Neuzugang aus dem 19. Jahrhundert – das kommt auch im EABW nicht alle Tage vor! Der Siegelstempel mit dem großherzoglichen Wappen aus dem Pfarramt Wieslet stammt aus der jüngsten Abgabe der Evangelischen Kirchengemeinde Wiesentäler. Er ist nun Teil eines ganz speziellen Bestandes: der badischen Siegelsammlung.
Drei große Schubladen eines Planschranks im Magazin des EABW nimmt der Bestand S 160 ein, über 1.500 Typare liegen darin. Ein Großteil stammt aus den Pfarrämtern und Dekanaten, aber auch historische Siegel des Oberkirchenrats und selbst diakonischer Einrichtungen lassen sich hier nachvollziehen.

Blick in die badische Siegelsammlung, die im Magazin des EABW aufbewahrt wird.
Die Sammlung wächst, denn Siegelstempel sind Gebrauchsgegenstände und nutzen sich ab. Ein neuer Stempel wird angeschafft, der alte ist dem Archiv zu übergeben. Wer ein Siegel führen darf, wie es zu verwenden ist und dass aufgehobene oder schadhafte Stempel dem Archiv zu übergeben sind, regelt die Siegelrechtsverordnung der badischen Landeskirche.
Die Gemeinde fusioniert, die Siegel werden abgegeben
Auch anlässlich von Gemeindefusionen müssen neue Siegel entworfen und Stempel beschafft werden. Die Siegelstempel der Ursprungsgemeinden erhält das EABW. So gelangte auch der Typar aus dem Wiesental ganz im Süden des Schwarzwaldes an das Archiv: Wieslet war zuletzt Teil der Kirchengemeinde An der Kleinen Wiese. Die Siegel gab das Pfarramt im Zuge der Fusion zur neuen Kirchengemeinde Wiesentäler ab. Der Ort gehörte seit 1503 zur Markgrafschaft Baden; nominell wurde die Reformation 1556 eingeführt, ab 1598 ist ein evangelischer Pfarrer nachweisbar.
Wieslet hat folglich eine lange evangelische Geschichte, das Pfarrarchiv reicht zurück bis ins Jahr 1665. So alt ist der Siegelstempel natürlich nicht. Eine genaue Datierung ist bei vielen Stempeln nicht möglich, da es keine Akten zu ihrer Beschaffung gibt. Der Stempel aus Wieslet, der das kleine Wappen Badens mit Schrägbalken und Großherzogskrone samt der Umschrift „GH. B. EVANG. PFARRAMT WIESLETH“ trägt, dürfte freilich aus dem 19. Jahrhundert stammen. Auch ohne exakte Altersbestimmung bleibt er ein Hingucker in der Sammlung.
Kreativ gestaltet und im Lesesaal einsehbar
Metallene Siegelstempel wie dieser wurden vermutlich noch dazu verwandt, Schriftverkehr durch einen Abdruck in Siegellack zu „versiegeln“. Schlägt man die amtliche Korrespondenz des 19. Jahrhunderts aus Pfarrämtern oder aus dem Oberkirchenrat auf, sind dort zahlreiche Siegelabdrücke kirchlicher Dienststellen zu entdecken.
Eine vergleichbare Sammlung württembergischer Siegel gibt es im EABW übrigens nicht. Allerdings sind die dortigen Siegel weitgehend einheitlich gestaltet, während die badischen Verwaltungsstellen die Motive individuell bestimmen konnten und davon gerade im 20. Jahrhundert bisweilen kreativ Gebrauch machten. Die Siegel sind daher oft Ausdruck kirchengemeindlicher Identität – und auch aus diesem Grund eine historische Quelle, die das EABW sichert. Dabei unterliegt die Siegelsammlung den gleichen Zugangsregeln wie alle Archivalien: Der Typar aus Wieslet kann unter der Signatur EABW, S 160, Nr. 1541 in den Lesesaal bestellt und eingesehen werden.
Kleine badische Siegel-Galerie
- Siegelabdruck der Pauluspfarrei Weinheim (EABW, S160, Nr. 391)
- Siegelabdruck der Nordpfarrei Heidelberg-Handschuhsheim (EABW, S 160, Nr. 456)
- Siegelabdruck der Dreifaltigkeitsgemeinde Mannheim-Sandhofen (EABW, S 160, Nr. 1054)
- Metalltypar aus dem Pfarramt der Markusgemeinde Gaggenau (EABW, S 160, Nr. 1263)
- Siegelstempel aus dem Kleinen Wiesental (EABW, S 160, Nr. 1546)




