Nach 91 Jahren (falsch) zugestellt

23. Januar 2023 | | ,
 

Nach über 91 Jahren (erneut) falsch zugestellt. Ein Gruß von Charly an seine Verlobte aus dem schlesisch-tschechischen Grenzland (9.10.1931) erreichte den Oberkirchenrat

Über Weihnachten haben wir es gelesen oder selbst erlebt: Die Unzufriedenheit mit den Diensten der Post ist nicht kleiner geworden. Doch nun hat sich ein sehr spezieller Fall ereignet:

Weinhaus Münzerei – ein tschechisches Lokal bei Leobschütz in Oberschlesien (1931) mit Fremdenzimmer und Garagen, geführt von Richard Münzer.

Die Poststelle des Evangelischen Oberkirchenrats erhielt in diesen Tagen eine Postkarte, abgesendet am 9. Oktober 1931. War diese Post wirklich 91 1/4 Jahre unterwegs? Dies wird sich wohl nicht abschließend klären können. Fakt ist aber, dass sie nicht an den Oberkirchenrat adressiert worden ist, sondern an Delia Stiefel, Bunsenstraße 4, Karlsruhe. Bunsenstraße wurde offenbar als Blumenstraße gelesen. Geschrieben hat diesen Gruß „Charly“ aus dem Weinhaus Münzerei bei Leobschütz in Oberschlesien. Dieses Weinhaus befand sich bereits auf  tschechischem Territorium – die Karte ist auch mit einer tschechischen Briefmarke und einem tschechischem Poststempel versehen. Beschrieben wird das Weinhaus Münzerei auch als „erstes an der tschechischen Grenze. Inhaber Richard Münzer. Beliebter Ausflugsort für Sommerfrischler und Ausflügler“.

Offenbar handelt es sich bei der Empfängerin um die Verlobte des Absenders. Dem geschilderten starken Heimweh wurde mit reichlich Bier begegnet: Nach 7 Glas Bier sind wir in seliger Stimmung. Morgen fahren wir nach Troppau wie Charlys Reisebegleitung ergänzt. Ansonsten handelt es sich um einen klassischen Urlaubsgruß, den Charly seinem kleinen Lieb schickt: Herr Sprung hat mich heute Abend nach einem beliebten tschechischen Lokal geführt, wo wir tadellos zu Abend gegessen und Pilsner Bier getrunken haben. Herrliches Wetter, gute Stimmung – nur etwas sehr stark Heimweh! Morgen Neustadt-Neiße. Hoffentlich mit ebenso gutem Erfolg wie heute. Grüsse an Opa, Alfi, […] und Du, mein Lieb, laß Dich innig umarmen. Wir wohnen in Leobschütz. Dein Charly.
Ob es Nachfahren gibt, denen man diese Postkarte (endlich) zustellen könnte? Ein sicher lohnendes Projekt …