Von des Kaisers Großmutter – oder: Von der Kirchhofsmauer ins Museum

20. Februar 2023 | | ,

Schreiben des großhzgt.-bad. Konservators vom 10.06.1863 mit der Inschrift des Votivsteins aus dem 2./3. Jh. [LkA KA 044., Kälbertshausen, Nr. 284]

Das Pfarrarchiv Kälbertshausen birgt interessante Funde (vgl. Beitrag vom 16.01.2023). Darunter eine Akte mit dem vielversprechenden Titel „Römischer Taufstein“, die Schreiben des großherzoglich-badischen Konservators von 1860 bis 1863 beinhaltet, der dem Pfarramt Kälbertshausen bezüglich der Akquise eines römischen Inschriftensteins schrieb. Wie einem Brief vom 25. April 1860 zu entnehmen ist, war der Stein als Spolie in der örtlichen Kirchhofsmauer verbaut und von großem Interesse für die großherzogliche Altertumssammlung, da man ihn gerne ausstellen und der wissenschaftlichen Bearbeitung zur Verfügung stellen würde.
Das Vorgehen des Konservators zeugt indes von einem ausgeprägten politischen Verständnis. Durch den gesamten Briefwechsel hindurch lässt sich beobachten, dass die Akquise streng nach dem Motto quid pro quo ablief. Dem Pfarramt sollte in keiner Weise ein Schaden aus der Abgabe des Steins entstehen. So wurden sämtliche Transport- und Arbeitskosten selbstverständlich von der großherzoglichen Sammlung übernommen und selbst für den entfernten Inschriftenstein wollte man Ersatz schaffen. Das Pfarramt zeigte sich so gerne bereit, den Stein abzugeben.
Nachdem der Konservator noch im Februar 1863 letzte Instruktionen zu Polsterung und Verpackung des Steins gab, sollte dieser schließlich mit der Eisenbahn nach Karlsruhe gebracht werden. Peinlicherweise wurde die Lieferung im Heidelberger Postamt aus dem Verkehr gezogen und gelangte erst zwei Monate später und nach einer Beschwerdeführung der großherzoglichen Sammlung wohlbehalten an ihrem Zielort an.
Entgegen dem Titel der Akte handelt es sich aber nicht um einen römischen Taufstein, sondern um einen sogenannten Votivstein, wie der Konservator in seinem letzten Schreiben vom 10. Juni 1863 klarstellt. Den Stein verortet er im 3. nachchristlichen Jahrhundert. Ein Taufstein wäre als Zeugnis für frühchristliche Religiosität in Kälbertshausen, in römischer Zeit in der Provinz Germania Superior gelegen, ein bemerkenswerter Fund gewesen. Ein Votivstein hingegen ist in der paganen Religion verortet und vom 2. bis ins 3. Jahrhundert in den germanischen Provinzen recht weit verbreitet. Die Steine waren ein Zeugnis dafür, dass man gelobt hatte, einem Gott eine Inschrift zu stiften, wenn dieser ein gewünschtes Ereignis eintreten ließ. Das glückliche Gelingen einer Reise oder die Heilung einer Krankheit wären dafür unter Anderem mögliche Ereignisse.

In Karlsruhe machte man sich sofort an die Bearbeitung der Inschrift, denn bereits in o. g. Schreiben (10.06.1863) dankte der Konservator dem Pfarrer und der Gemeinde und erläutert die erhaltene Inschrift. Da römische Inschriften hauptsächlich in Abkürzungen verfasst wurden, sind sie zunächst nicht ohne Weiteres zu lesen. Die Votivsteine folgen aber meist einer bestimmten Formel und können so entschlüsselt werden:

IN H D D               (In honorem domus divinae
DÆ VIRODDI      deae Viroddi
AVITA MXM       Avita Maximi-
NI V S L L M        ni votem solvit libens laeta merito)
Die erste Zeile ehrt das Kaiserhaus, die zweite Zeile nennt den Gott, dem die Inschrift gestiftet ist. In diesem Fall handelt es sich wohl um eine lokale Gottheit, deren Name ansonsten unbekannt ist. Die dritte Zeile nennt den Stifter: Die Großmutter des Maximinus. Die Schlusszeile gibt an, dass der Stifter sein Gelübde gern und nach Verdienst eingelöst hat.
Wohl etwas zu enthusiastisch bemerkt der Konservator, es könnte sich bei der genannten Großmutter um jene des römischen Kaisers Maximinus Thrax handeln, des ersten der sogenannten Soldatenkaiser. Zwar war Maximinus Thrax durchaus in den wenigen Jahren seiner Herrschaft in den germanischen Provinzen präsent, aber dennoch scheint hier eher der Wunsch Vater des Gedankens zu sein. Ein Zeugnis der Präsenz des Kaiserlichen Hofes in einem süddeutschen Dorf gefunden zu haben wäre sensationell. Wahrscheinlicher aber ist, dass es sich bei der Stifterin um eine Einwohnerin handelte, deren Enkel zufälligerweise denselben Namen wie der Kaiser trug.
Mittlerweile befindet sich die Kälbertshausener Inschrift im Römermuseum in Osterburken und wird auf eine Zeitspanne vom Beginn des 2. bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert.
(Quelle: LkA KA, 044. Kälbertshausen, Nr. 284; Corpus Inscritpionum Latinarum 13, 06486)