Ich kenne den Schwarzwald nur aus Bildern von Hans Thoma

20. April 2023 | | ,
Am Sonntag, den 7. Juli 1963, schrieb der Kunstmaler und Grafiker Ernst Grunwald (1894-1972) aus der DDR an Pfarrer Konstantin Mudrack (1931-2001) in Rinklingen, einem Stadtteil Brettens. Rinklingen war die Patengemeinde brandenburgischen Kirchengemeinde (Potsdam-)Babelsberg, der Grunwald angehörte. Beide Gemeinden hatten zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren regen Kontakt in Form von Briefwechseln, Besuchen und Paketen, die „nach drüben“ geschickt wurden. Kaffee, Tee, Schokolade, Pudding und Damenstrümpfe wurden besonders gerne versandt, wie sich erhaltenen Listen entnehmen lässt.

Durch den Künstler Ernst Grunwald illustriertes Programm der Sommermusik der Kirchengemeinde Potsdam-Babelsberg am 7.07.1963 [LkA KA, 044. Rinklingen, Nr. 51]

Grunwald schildert in seinem Brief den Verlauf einer beschaulichen Gemeindeveranstaltung, einer sommerlichen Musik, die an ebenjenem etwas kühlen, aber klaren Sonntag hinter dem Gemeindehaus stattgefunden hatte. Damit der Rinklinger Pfarrer sich ein Bild von der Veranstaltung machen könne, hatte Grunwald ein Programm beigefügt. Neben der Musik wurden u. a. auch Verse von Christian Morgenstern und Friedrich Rückert vorgetragen.  Natürlich hatte es sich der Grafiker nicht nehmen lassen, noch einige Skizzen hinzuzufügen, die von seinem Talent zum Zeichnen zeugen. Zwei der Abgebildeten würde der Pfarrer wohl aus seinem Besuch vom Vorjahr noch erkennen. Da lediglich zwei der drei Porträts benannt sind – Pfarrer Kambach auf der rechten und Kantor Albrecht auf der linken Seite – spielt Grunwald wahrscheinlich auf diese beiden an.
Abgeschlossen wird der Brief mit einem regelrechten Fragenkatalog. Wie dem Pfarrer der Gemeinderaum gefallen habe, ob Grunwald Bilder aus dem Inneren der Rinklinger Kirche erhalten könne, da er ein Interesse an Altären und Kirchenfenstern habe oder ob der Pfarrer einen benachbarten Lektoren kenne, um nur einiges zu nennen. Die Aussage, Grunwald kenne den Schwarzwald nur aus Bildern von Hans Thoma, erinnert derweil an eine Zeit, in der das freie Reisen innerhalb Deutschlands nicht möglich war.
In seiner Alltäglichkeit ist der Brief ein spannendes historisches Zeugnis. Es zeigt, wie Gemeindeleben in der DDR aussah. Kultur wurde gepflegt und gelebt. Das Interesse am „andern Deutschland“ war ebenfalls groß. Den Kontakt zwischen den Gemeinden und Gemeindegliedern zu vermitteln, ist indes als Leistung der Kirche anzuerkennen.