Nachlaß von Pfarrer Gerhard Möckel (1924-2004) übernommen

21. Juli 2017 | | ,

Pfarrer Möckel bei einer Familienfeier in Athen (um 1955) [LkA KA, 150.112, Buch der Freunde (1989)]

Mit 55 Jahren trat Gerhard Möckel im Jahre 1979 als Studentenpfarrer in Heidelberg in den Dienst der Badischen Landeskirche. Sein Lebensweg und -werk zeigen schnell, warum sein Nachlaß eine wichtige Ergänzung der landeskirchlichen Überlieferung und ein außerordentliches Zeugnis der Kirchengeschichte der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt:
Als Sohn des siebenbürgischen Pfarrers Dr. Konrad Möckel wurde er in Hermannstadt geboren, besuchte das Honterus-Gymnasium Kronstadt, war 1944/45 Kriegsteilnehmer und in englischer Gefangenschaft. Von 1945 bis 1952 studierte er in Bethel, Göttingen und Basel Theologie und wurde 1953 Pfarrer der Deutschen-evang. Gemeinde in Athen. Ab 1958 leitete er Einsätze mit Gruppen der ‚Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF)‘. Im Jahre 1962 wechselte Möckel als Leiter der Evang. Akademie nach Berlin (West) und trat 1967 als Pfarrer in Berlin-Dahlem den Dienst an. 1972 bis 1976 war er zugleich ehrenamtlicher Vorsitzender der ‚Aktion Sühnezeichen‘ in Deutschland. Von 1979 bis 1987 hatte Möckel das Studentenpfarramt in Heidelberg inne und trat 1989 in den Ruhestand. Durch die politische Wende ermöglicht wagte er 1991 einen Neuanfang und ging mit seiner Frau in seine Geburtsstadt nach Hermannstadt, wo er noch im selben Jahr die Evang. Akademie Siebenbürgen (EAS) gründete. Bis 1999 war Möckel deren Leiter. In diese Zeit fiel auch die Grundsteinlegung für das Hans-Bernd-von-Haeften-Haus (1997). Möckel erfuhr für sein Lebenswerk die Auszeichnung ‚Freund der Hellenen‘ durch die Universität Athen (1996) sowie die Ehrenmitgliedschaft der Bürgerrechtsbewegung ‚Liga pro Europa‘ in Rumänien.
In zweiter Ehe war Gerhard Möckel mit Dorothea geb. Koch verheiratet, einer Tochter von Hans Koch, der als Rechtsanwalt und Notar in Berlin Verteidiger Martin Niemöllers (1938) und mitbeteiligt an den Vorbereitungen des Attentats auf Hitler war. Hans Koch wurde in den letzten Kriegstagen im April 1945 erschossen.
Der Nachlaß hat die Signatur 150.112 und umfasst 1,8 lfm. mit einer Laufzeit von 1947 bis 2002. Er spiegelt das vielseitige und umfassende Wirken von Möckel wider: Neben seinen Seminar- und Examensarbeiten, Unterlagen zu einer Reise mit dem Predigerseminar nach Holland (Okt. 1951) finden sich v. a. Unterlagen zu seiner Zeit als Leiter der Evang. Akademie Berlin-West (eigene Tagungen), als Pfarrer in Berlin-Dahlem (Predigten, Konfirmandenarbeit, Rumänienreise 1969) sowie Studentenpfarrer in Heidelberg (Predigten 1979-1987, besond. Gottesdienste 1983-1987, ESG-Programme 1979-1988 und Zeitschriften 1982-1987, Gedenktafel für Max Weber, AK Juden-Christen 1981-1985, Mitarbeiterkreis, Satzung, Memorandum 1983-1985, Konflikte 1985-1987, Studentenprozesse 1980-1984, Texte/Plakate aus den „wilden Jahren“, Peterskirchenkapitel 1978-1987, Pfarrkonvent, -konferenz 1978-1986, dienstl. u. Korrespondenz mit Studenten 1980-1987, ‚Peterskirchen-Konflikt‘ 1986/87, Protokolle Ausländerkomitee 1980-1986, Rumänien- (1981), Polenreise 1984). Vor allem diese Heidelberger Unterlagen sind gut überliefert und zeigen das Ringen und die Kämpfe um und mit der Studentenschaft der 1980er Jahre.
Des Weiteren enthält der Nachlaß Rundfunkandachten 1965-1998, Korrespondenz betr. Rumänien 1960-1974, Unterlagen zur ‚Aktion Sühnezeichen‘ 1973, 1975, 1983-1990; Sitzungen und Tagungen des Hilfskomitees der Siebenbürgersachsen (HiKo) sowie die Briefwechsel und Auseinandersetzungen (1962-1999); Presseberichte Siebenbürgen 1965-2002; Protokolle, Briefwechsel, Unterlagen Evang. Freundeskreis Siebenbürgen (EFS) 1965, 1981-1998; Bundesverdienstkreuzverleihung an Hans Philippi 1972. Zudem sind eigene theologische Arbeiten (1961-1979) enthalten, v. a. Unterlagen zum Kirchenkampf, den Juden und den NS in Rumänien, zu Hermann Oberth (1894-1988), Richard Wurmbrand und die Märtyrerfrage (1969-1973). Aber auch die Planung und die Anfänge der EAS in Hermannstadt sind überliefert. Mehrere Akten von Predigten anderer Prediger sind enthalten. Ein besonderes Stück ist das ‚Buch der Freunde zum 65. Geburtstag‘, das neben persönlichen Worten und zahlreichen Bildern und Fotos auch ein Namensregister enthält, was den großen Freundes- und Bekanntenkreis von Möckel vor Augen führt.
Auch Druckschriften finden sich: Landeskirchl. Informationen der Evang. Kirche A.B. in Rumänien 1995-1997 sowie Nachrufe auf Möckel in: Zugänge 32 (2004), 33 (2005), zeichen Nr. 3/2004 und eigene Veröffentlichungen: Fatum oder Datum? Aufsätze und Briefe. 1997; Siebenbürg.-Sächs. Geschichte in ihrem neunten Jahrhundert. Gespräch in der Zerstreuung. 1977; Rundbriefe aus Hermannstadt. 2007.
Es ist geplant, diesen Nachlaß zeitnah zu erschließen, um ihn besser recherchierbar zu machen. Der Nachweis, ein Biogramm und eine Bestandsbeschreibung finden sich in der Nachlassdatenbank des Bundesarchivs.