98 Jahre nach seiner Wahl zum Kirchenpräsidenten gelangten Nachlassunterlagen von Klaus Wurth (1861-1948) ins Archiv
Der Pfarrer Klaus Wurth, ab 1894 in Liedolsheim und ab 1906 an der Oberen Pfarrei in Bretten im Amt, war Zeit seines Lebens kirchenpolitisch aktiv: 1895 begann er mit seiner Mitarbeit im „Korrespondenzblatt“ der konservativen Evangelischen Konferenz. 1904 wurde Klaus Wurth Schriftleiter dieser Zeitschrift. Ab 1914 war er Mitglied der Generalsynode (ab 1920 Landessynode).
1920 wurde Klaus Wurth Mitglied der Kirchenregierung. Seit 1919 besaß die Landeskirche eine neue Kirchenverfassung, nach der die Kirchenregierung fortan aus dem Kirchenpräsidenten, dem Prälaten und sechs Mitgliedern der Landessynode bestand. Seine Wahl zum Kirchenpräsidenten durch die Landessynode der Evangelischen Landeskirche Badens erfolgte 1924. Mit Klaus Wurth bekleidete das Amt des Kirchenpräsidenten nun kein Jurist, sondern ein Pfarrer.
Büste von Klaus Wurth, 1933 von dem Karlsruher Bildhauer und Keramiker Otto Schneider modelliert. Sie wurde mit den Nachlassunterlagen dem Archiv übergeben [LkA KA, 150.120, o. S.]
Die in diesen Tagen von seinen Urenkeln übergeben Unterlagen enthalten eine Büste (Otto Schneider, 1933), Quellen zum Manuskript des Buchs von seinem Enkel Klaus Finck: Klaus Wurth (1861-1948). Ein Leben für die Kirche im Umbruch. Selbstverlag. Norderstedt 2004 (teilw. Kopien), theologische Vorträge (teilw. Kopien), kirchenpolitische Äußerungen, Abschriften aus: Gedanken über Bibelworte, Menschen und Zeitgeschehen von D. Klaus Wurth. 1943-1947, Predigten von Wurth (1891-1948), Unterlagen zu den Landessynodalverhandlungen 1914, 1918/19, Protokollen des EOK sowie der Kirchenregierung 1920-1934, Auszüge aus seiner Personalakte [Kopien], Urkunden, Fotos (diese wurden herausgelöst und dem Bestand 154., Bilder und Fotos, hinzugefügt), Unterlagen zu seinem Tod (Anzeige, Gottesdienst, Anzeigen usf.), rezeptionsgeschichtliche Unterlagen (bis 1962) sowie Aufsätze und Beiträge über Wurth, Zeitungsartikel, Korrespondenzen [u. a. mit Schwiegersohn Albert Finck (1895-1958, Maler, Professor am Staatstechnikum Karlsruhe sowie Kirchenfenstergestalter)], Ausweise und Bankunterlagen. Ingesamt umfassen sie 0,7 laufende Meter und haben eine Laufzeit von 1891 bis 1962.
Fast 90 Jahre nach seinem zwangsweisen Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst ermöglicht diese Übergabe nun eine Neubewertung der Person Wurth, der in bewegter Zeit Teil der Kirchenleitung war. So umstritten Wurth beurteilt wurde, umso interessanter ist eine Neu-Beschäftigung mit seinem Wirken für „seine Kirche“: Er, der deutschnationale und antidemokratische Positionen vertrat, sich zugleich für eine Trennung von Kirche und Staat in Form einer Partnerschaft auf Augenhöhe und ohne gegenseitige Bevormundung aussprach, lehnte in der Konsequenz eine Umsetzung des „Führerprinzips“ ab und geriet dadurch zunehmend ins Abseits, so dass er zum 1. Juli 1933 seinen Rücktritt erklärte. Gegen Kriegsende kehrte Wurth, nachdem er zweimal ausgebombt wurde, nach Bretten zu seinen Kindern zurück, wo er 1948 starb.
Es ist geplant, diesen Nachlass (Sign.: 150.120) zeitnah zu bearbeiten und damit recherchierbar zu machen. Eine Bestandsbeschreibung ist bereits durch die Zentrale Nachlassdatenbank veröffentlicht.
Verabschiedung des Kirchenpräsidenten Klaus Wurth (r.) sowie Amtseinführung des ersten Landesbischofs Julius Kühlewein am 23.07.1933 in Karlsruhe [LkA KA, 154., Nr. 462/2]






