‚Schätze ausgegraben‘ – SWR-Beiträg zum Projekt Pfarrarchiverschließung
Dieses „Fräulein“, das war die Gemeindediakonin der Gottesauerpfarrei 1933-1935. Sie war angeblich Mitglied der SPD und hatte – was viel brisanter war – ganz öffentlich mit einem ehemaligen Rechtsanwalt jüdischen Glaubens zu tun. Nachdem die Forderung nach ihrer Entlassung nichts nach sich zog, wurde sie schließlich wegen Rassenschande angezeigt. Die Gemeindediakonin und Pfarramtskandidatin nahm die Bedrohung aber rechtzeitig wahr und floh 1935 in die Schweiz. Sie entkam damit noch rechtzeitig einem geplanten Verhör durch die Badische Geheime Staatspolizei und tat damit den richtigen Schritt, auch wenn sich dadurch der Verdacht von offizieller Seite aus „erhärtet“ hatte. (LkA KA, 044., Karlsruhe Gottesauerpfarrei, Nr. 24)
„Egal, wenn nur der Krieg zu Ende geht“ (1916)
Mit diesem Satz endet die Kriegschronik des Pfarrers Wilhelm Brauns im Dezember 1916. 93 eng beschriebene Seiten fassen wochenweise den Ersten Weltkrieg und die Erlebnisse des Pfarrers auf den Schlachtfeldern zusammen. Dazu sammelte der Schreiber zahlreiche Postkarten, Zeitungsartikel und eigene Aufnahmen von Schützengräben und Soldaten. (LkA KA, 044., Michelfeld, Nr. 363)
„Wenn die Mädchen draußen blieben, würden sie noch viel mehr Unheil anstellen und die Menschheit noch mehr verseuchen“ (1932)
So das Urteil des Mädchenheims Bretten zur Bedeutung ihrer Zwangs- bzw. Heimerziehung, nachdem eine ledige Mutter, die durch das Heim in eine Arbeitsstelle vermittelt war, im Oktober 1934 in die bayerische Landeshauptstadt entfloh. Die Begründung für ihr Verhalten? Das Mädchen sei „unbeschreiblich einfältig und [habe] […] eine Affenliebe zu dem Kind, aus der all ihre Fehler stammen.“ (a.a.O., Nr. 193)
Ein Pfarrer setzt sich ein (1953)
Wegen „groben Unfugs“ verurteilte ein Gericht fünf Jugendliche 1953 zu jeweils 12,50 DM Strafe. Die Jungs hatten einen Fahrzeughalter darauf hingewiesen, dass sein Wagen in der Kircheneinfahrt stehe. Als dieser sich weigerte, den Pkw umzuparken, hoben die Jugendlichen den Wagen kurzerhand an und stellten ihn quer. Die Einfahrt war wieder frei, der Fahrzeughalter sauer. Der Pfarrer, der sich kurz vor der Tat und schon viele Male im Beisein der Jugendlichen über den Wiederholungstäter beschwert hatte, sah die Schuld bei sich und bat um Straferlass oder Abmilderung. Mit Erfolg: statt 12,50 DM mussten die Jungs „nur“ 10 DM zahlen. (LkA KA, 044., Karlsruhe Gottesauerpfarrei, Nr. 86)
Beziehungsdrama Ost-West (1979)
Ein Pfarrer aus Karlsruhe brach 1979 die langjährige Patenbeziehung zum Ort Lindenberg (DDR) ab, da der dortige Pfarrer sich von seiner Frau getrennt hatte. Dass aber sie diejenige war, die ihren Mann heimlich verlassen hatte und zwar mit einem gewissen „Hermann“, mit dem sie schon viele Jahre lang eine Affäre gehabt hatte, besänftigte den Karlsruher Pfarrer nicht.
Sicherlich ein herber Schlag für den Lindenberger Pfarrer, für dessen Vorgänger schon 1954 klar war: „Lieber als Hausdiener oder Arbeiter dort [BRD], als als Pfarrer hier [DDR]. Warum soll man die Wahrheit nicht schreiben.“ (a.a.O., Nr. 93)
In einem SWR-Rundfunk-Interview wird das in den Startlöchern stehende Projekt ‚Pfarrarchiverschließung‘ vorgestellt und dabei Bezug auf diese Funde genommen. Na, neugierig geworden?
Über den Start des Projektes informieren wir an dieser Stelle.




