Sondergottesdienste im Kirchenbezirk Ladenburg-Weinheim

18. Oktober 2019 | | ,

Abseits der normalen Sonntage des Kirchenjahrs und den regelmäßig wiederkehrenden kirchlichen Feiertagen gibt es immer wieder Gelegenheiten, zu denen besondere Gottesdienste organisiert werden. Gründe für solche Situationen umfassen besondere Jubiläen oder außergewöhnliche Ereignisse − sowohl aus positivem wie negativem Anlass.

Auch im Dekanatsarchiv Ladenburg-Weinheim, das in den Magazinen des Landeskirchlichen Archivs in Karlsruhe aufbewahrt wird, finden Schriftwechsel zu solchen Sondergottesdiensten Niederschlag. Eine Akte umfasst diverse Gottesdienste zu besonderen Anlässen, die in den 1980er Jahren abgehalten wurden. Neben regelmäßig vorkommenden Veranstaltungen wie den Gottesdiensten „Kirche im Grünen“, die alljährlich an mehreren Orten des Kirchenbezirks abgehalten wurden, sind auch spezielle Anlässe in dieser Akte zu finden. Hierzu zählen Unterlagen zu Veranstaltungen im Lutherjahr 1983, Informationen zum ökumenischen Gedenkgottesdienst am 31. August 1988 anlässlich des Flugtagunglücks von Ramstein wenige Tage zuvor oder Schriftwechsel zur Organisation eines ökumenischen Sondergottesdienstes am Vorabend des ersten „Tags der deutschen Einheit“ am 2. Oktober 1990 in der Peterskirche Weinheim mit Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt (vgl. Beitrag vom 2.10.2019). (LkA KA, 043. Ladenburg-Weinheim, Nr. 383)

Inspiriert von Edvard Munch − Plakat zum ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Flugtagunglücks in Ramstein in der Peterskirche Weinheim am 31.08.1988 [LkA KA, 159., Nr. 420]

Ein besonderer Vorgang ist in einer anderen Akte nachzulesen. Er befasst sich mit Bittgottesdiensten, die auf Geheiß der Kirchenleitung in Karlsruhe am 18. Oktober 1977 in allen Orten Badens angeboten werden sollten. Anlass für diese besonderen Gottesdienste war die Flugzeugentführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch palästinensische Terroristen, die zu diesem Zeitpunkt bereits über vier Tage andauerte. Ziel dieser Aktion war es, die im Gefängnis Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder um Andreas Baader freizupressen. Nachdem die „Landshut“ bereits einen Irrflug mit Stops an mehreren Flughäfen im arabischen Raum hinter sich hatte, landete sie am 17. Oktober am Flughafen von Mogadishu/Somalia. Die Entführer setzten ein finales Ultimatum bis zum Nachmittag desselben Tages, das bis 1:30 Uhr am Morgen des 18. Oktobers verlängert wurde, als die Bundesregierung scheinbar auf die Forderung eingegangen war. Dies war aber nur vorgeschoben worden, um den Transport der „Grenzschutzgruppe 9“ (GSG 9) der Bundespolizei nach Somalia zu ermöglichen. Kurz nach Mitternacht stürmte diese Antiterrorismuseinheit das Flugzeug, tötete drei der vier Geiselnehmer und befreite die Passagiere aus der Geiselhaft. Kurz nachdem die Befreiung in der Presse bekanntgeben wurde, begingen die RAF-Mitglieder in Stammheim Selbstmord. Der von anderen RAF-Mitgliedern im Vormonat gekidnappte Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hanns Martin Schleyer, wurde ebenfalls am 18. Oktober erschossen und tags darauf entdeckt.

Die Kirchenleitung der badischen Landeskirche hatte die Dekanate am 17. Oktober telefonisch auf die Durchführung von Bittgottesdiensten für besorgte Menschen angewiesen. Diese Information sollte dann von den Dekanaten an die einzelnen Pfarrämter im Kirchenbezirk weitergeleitet werden. Am 21. Oktober bat Landesbischof Hans-Wolfgang Heidland um eine Rückmeldung aus den Dekanaten, damit man aus diesen Erfahrungen für zukünftige Vorkommnisse Schlüsse ziehen könne. In den Tagen darauf übermittelten die Pfarrämter im Kirchenbezirk Ladenburg-Weinheim ihre Erlebnisse an Dekan Gerhard Blail.

Die Bittgottesdienste waren in fünf der 14 Orte mit evangelischen Kirchengemeinden nicht angeboten worden. Als Begründung hierfür erklärten die Pfarrer meistenteils, dass der Vorlauf zur Vorbereitung eines Gottesdienstes zu so einem vielschichtigen Thema wie Terrorismus zu kurz gewesen sei. Ferner empfanden einige Geistliche, dass sich die Situation durch die Befreiung der Geiseln überholt hätte und ein Bittgottesdienst daher als nicht mehr notwendig erachtet wurde. Kritisch betrachtet wurde auch, dass viele Pfarrer über die Medien von der geplanten Abhaltung erfuhren und nicht von den ihnen übergeordneten Stellen. Dies hing damit zusammen, dass Dekan Blail im Anruf, den er am 17. Oktober aus Karlsruhe erhielt, nicht die Ansage erhielt, die Nachricht an die Kirchengemeinden weiterzuleiten. Er verstand die Aufforderung dergestalt, dass nur ein zentraler Gottesdienst im Kirchenbezirk in Weinheim durchgeführt werden sollte.

Dort, wo die Bittgottesdienste am 18. Oktober organisiert wurden, war die Rückmeldung aber positiv. Die Teilnehmerzahlen schwankten zwischen 40 Personen in Orten wie Neckarhausen oder Dossenheim und bis zu knapp 200 Besuchern in der Stadtkirche von Weinheim. Während der Gottesdienst in Neckarhausen spontan improvisiert wurde, da sich unerwarteterweise Menschen vor der Kirche versammelt hätten, wurde in Dossenheim am 21. Oktober noch ein weiterer Sondergottesdienst durchgeführt, an dem sogar 90 Personen teilnahmen. Es wurde mehrfach bemerkt, dass sich auch Menschen unter die Gottesdienstbesucher gemischt hätten, die sonst nicht regelmäßig zur Kirche kommen würden. Aus Schriesheim-West, wo der Bittgottesdienst ökumenisch gestaltet war, da die örtliche katholische Kirche keine eigene vergleichbare Veranstaltung organisiert hatte, berichtete Pfarrer Helmut Zeller: „Hätten wir den Bittgottesdienst nicht gehalten, hätte uns etwas gefehlt.“ Darüber hinaus wurden in allen Kirchengemeinden − auch denjenigen, die nicht am 18. Oktober Bittgottesdienste durchführten − die Ereignisse in den Sonntagsgottesdienst vor und nach diesem Termin in Predigten und Fürbittgebeten oder in Gemeindekreisen unter der Woche thematisiert. (LkA KA, 043. Ladenburg-Weinheim, Nr. 287)

Die erwähnten Unterlagen sind im Zuge der Verzeichnung von Altakten des Dekanats Ladenburg-Weinheim zu Tage getreten. Der Bestand lagert im Magazin des Landeskirchlichen Archivs in Karlsruhe und kann von interessierten Nutzern unter Wahrung der Schutzfristen während unserer Öffnungszeiten eingesehen werden. Ein Findbuch des Bestands ist als PDF-Datei zum Download auf unserer Homepage verfügbar.