Gedächtnis an gefallene Gemeindeglieder

10. April 2023 | | ,
Vom Pfarrer verfasster Lebenslauf von Hermann Bühn [LkA KA, 044. Oberöwisheim, Nr. 191]

Während des I. Weltkriegs verloren viele Millionen Menschen ihr Leben. Die Erinnerungen an sie verblassten in den letzten 100 Jahren nach und nach.

Pfarrer Schweikhart (1875-1945; 1910-1926 Pfarrer in Oberöwisheim) gedachte den gefallenen Gemeindegliedern bei Gottesdiensten und erzählte über deren Leben. Übrigens wurde der Pfarrer selbst Weltkriegsopfer: In den letzten Kriegstagen starb er bei einem Luftangriff auf Gochsheim am 7. April 1945.
Diese Lebensläufe sind im Pfarrarchiv vorhanden. Ein Beispiel ist der Lebenslauf von Hermann Bühn aus dem Jahr 1917:
Lebenslauf
Unser entschlafener christl. Mitbruder Hermann Friedrich Bühn wurde hier geboren am 8. Jan. 1894 und am 16. dess. Mts. & Js. dem dreieinigen Gott in der hl. Taufe übergeben. Seine Eltern sind der hiesige Bürger & Maurer Karl Bühn & dessen + erste Ehefrau Christine geb. Knosp.
Vom 6.–14. Lebensjahr besuchte der Entschlafene die hiesige Volksschule & wurde am Sonntag Judika, den 5. April 1908, in dieser Kirche konfirmiert. Nach seiner Schulentlassung diente er 2 Jahre lang hier im Gasthaus zum Schwanen, dann arbeitete er an verschiedenen Orten als Hausknecht, zuletzt in Trebur bei Mainz.
Von dort wurde er am 5. Juli 1915 nach Darmstadt zum Militär einberufen. Nach einigen Wochen kam er auf den Truppenübungsplatz Grießheim bei Darmstadt & nicht lange darauf ins Feld auf den westlichen Kriegsschauplatz, wo er der 3. Komp. des Inf.-Reg. Ner 398 zugeteilt wurde.

Vom Pfarrer verfasster Lebenslauf von Hermann Bühn [LkA KA, 044. Oberöwisheim, Nr. 191]

Seite 2 des Lebenslaufes von Hermann Bühn (gef. 17.09.1917) [LkA KA, 044. Oberöwisheim, Nr. 191]

Es ging ihm nach seinen eigenen Berichten immer ganz gut, obwohl er viele & schwere Kämpfe mitmachte. Nach der Ernte bekam er einen längeren Urlaub, den er z. T. hier bei seinen Eltern, z. T. in Trebur bei seinem letzten Dienstherrn & Arbeitgeber verlebte. Kaum war er wieder zu seiner Kompagnie zurückgekehrt, so wurde er am 31. August an Ober- und Unterschenkel schwer verwundet. Am 3. Sept. wurde er ins Feldlazarett 173 eingeliefert, von wo er unterm 4. & 11. zweimal mit eigener, allerdings zitternder Hand an seine Eltern kurz über sein Befinden schrieb. Auf eine von mir an den Chefarzt des Lazaretts gerichtete Anfrage wurde unterm 17. Sept. folgende Antwort gegeben: „Der Musketier Bühn ist durch rechtsseitigen Oberschenkelschußbruch mit totaler Zersplitterung des Knochens schwer verwundet. Die Wunden sehen jetzt ganz gut aus. Aber er hat seit mehreren Tagen eine linksseitige Lungenentzündung dazu bekommen & leidet an schweren Durchfällen. Unter diesen Umständen ist leider die Hoffnung, daß er mit dem Leben davonkommt, gering. Es tut mir sehr leid. Denn er ist einer meiner liebsten Patienten. Es geschieht natürlich für ihn alles, was nur getan werden kann.“
Noch am gleichen Tag, an welchem sein Arzt mir diesen Brief schrieb, ist der Patient seinem Leiden erlegen. Am Dienstag, den 18. Sept., traf die […] Nachricht ein, daß Hermann am 17. Abends sanft entschlafen sei. Erst einige Tage darauf traf der vorhin erwähnte Brief des Oberarztes ein, fast gleichzeitig mit einem Schreiben des Lazarettinspektors, in dem die näheren Umstände des Todes angegeben sind. Es heißt darin: „Er wurde am 3. Sept. schwer verwundet am rechten Oberschenkel eingeliefert. Es trat eine schwere Lungenentzündung hinzu, welche wohl der Hauptgrund seines Todes war. Der Pfarrer spendete ihm den letzten Segen. Sein Grab befindet sich in Pierrepont auf dem Soldatenfriedhof unter Nr. 140, welches von Kameraden hübsch geschmückt wird. So ruht also seine sterbliche Hülle inmitten vieler Kameraden zwar in fremder, aber in geweihter Erde & schlummert dem großen Auferstehungsmorgen entgegen. Am 28. Sept. erhielt die Eltern des Entschlafenen das eiserne Kreuz II. Klasse, welches ihrem Sohne nicht mehr ausgehändigt werden konnte. In dem Begleitschreiben heißt es: „Er war schon früher zu der Auszeichnung eingereicht, leider war es ihm nicht vergönnt, die Freude noch zu erleben. Die Komp. bedauert sehr den Verlust seines so lieben & braven Kameraden.“ Seine irdische Wallfahrt brachte der Entschlafene auf 23 Jahre, 8 Monate und 9 Tage. Er ruhe in Frieden & und das ewige Licht leuchte ihm!