Die Folgen von Flucht und Vertreibung. Der Nachlass von Pfarrer Gerhard Lierse als Vorsitzender des Landeskonvents der zerstreuten evang. Ostkirchen

28. März 2022 | | ,
Wieder sind in Europa Millionen Menschen auf der Flucht. Welche Langzeitfolgen und Nachwirkungen eine derartige Katastrophe für die Betroffenen hat kann man der Arbeit von Pfarrer Gerhard Lierse (1916-2006) als Vorsitzenden des Badischen Landeskonvents der zerstreuten evangelischen Ostkirchen herauslesen. Als Sohn des Breslauer Pfarrers Walther Lierse (1873-1957) war Gerhard Lierse selbst Vertriebener und machte sich als solcher diese Tätigkeit zu eigen. Die von Pfarrer Reinhard Buschbeck im Februar 1996 dem Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe übergebenen Unterlagen geben davon ein beredtes Zeugnis. Diese wurden zu einem „Nachlass Gerhard Lierse“ formiert, aber es handelt sich dabei v. a. um Handakten, also um genuine Unterlagen aus der Arbeit des Vorsitz, und weniger um Unterlagen aus dem privaten Umfeld des Pfarrers und Durlacher Dekans Gerhard Lierse. Sie korrespondieren mit dem Bestand 112., Landeskonvent Baden des zertreuten evangelischen Ostkirchen, der wiederum 2016 bearbeitet wurde und dessen Findmittel online recherchiert werden kann.
Diese „Nachlassakten“ geben als reine Verwaltungsakten aber durchaus Auskunft über die seelsorgerliche Arbeit an den zehntausenden evangelischen Vertriebenen, die in Baden ihre neue Heimat gefunden hatten, und zeigen, wie wichtig der Zusammenhalt nach einem gemeinsam erlittenen Schicksal ist und welche Rolle dabei die Pflege von kirchlichen Traditionen spielt, z. B. das Feiern von Gottesdiensten mit der Liturgie der einstigen Heimatkirche. Diese Arbeit ist auch heute noch – nach fast acht Jahrzehnten (!) – wichtig und spiegelt sich in den tätigen Vereinen, Verbänden und Organisationen wider, z. B. in der ‚Gemeinschaft evangelischer Schlesier‘. Es bleibt zu hoffen, dass die Ereignisse der Gegenwart keine ähnliche Geschichte aufweisen mögen.
Im Rahmen eines Praktikums wurde der „Nachlass Gerhard Lierse“ durch Elisa Zielmann bearbeitet. Er umfasst 15 Akten in 0,15 lfm. und weist eine Laufzeit von (1937) 1955 bis 1989 auf. Das vorfindliche Album Gedächtnisgottesdienst ’25 Jahre Heimatvertrieben‘ in der Lutherkirche Freiburg am 25.01.1970 wurde herausgelöst und dem Bestand 154., Bilder und Fotos, hinzugefügt (Sign.: 154., Nr. 1507). Der Nachlass Gerhard Lierse ist – ebenso wie der Bestand des Landeskonvents – mittels eines Online-Findbuchs recherchierbar sowie in der Nachlassdatenbank des Bundesarchivs nachgewiesen; die Akten selbst sind im Lesesaal unseres Archivs einsehbar.
Lierse, Gerhard
Gerhard Lierse als neuer Dekan in Durlach (Sept. 1968) [Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv Schlesiger, A 16 72/4/39]