Nach über sechs Jahrzehnten wieder aufgetaucht

29. Juni 2022 | | ,

Unbeschriftet und unscheinbar: Das verloren geglaubte Kirchenbuch Wieslet (1726-1739)

Ein kleines – oder großes? – Wunder ist geschehen! Das mindestens seit 60 Jahren verschollen geglaubte Kirchenbuch der lutherischen Kirchengemeinde Wieslet 1726 bis März 1739 ist wieder aufgetaucht.

Hermann Franz meldet 1957 den Fehlbestand in seinem Inventarium „Die Kirchenbücher in Baden“ (3. Aufl., S. 270) noch nicht. Vielleicht aber ist es im Zuge der Verfilmungsaktion der Jahre 1960-1962 „untergetaucht“? Es wurde jedenfalls nicht verfilmt und galt bis heute als verschollen: Schon 1977 schrieb Dr. Martin Keller in der Zeitschrift „Markgräflerland“: Seit zehn Jahren suche ich nach den verschollenen ältesten Kirchenbüchern von Wieslet […] auf meine Bitte veranlaßte das Landeskirchliche Archiv beim Oberkirchenrat Karlsruhe eine Nachschau im Pfarramt Wieslet, wobei das älteste Kirchenbuch wiedergefunden wurde. Dies lässt Keller zu dem Urteil kommen: Es ist nicht zu glauben, wie gleichgültig die zuständigen Amtsstellen in derlei Fragen, wo es um die Sicherung wertvoller geschichtlicher Urkunden geht, sind. (S. 398). Über 20 Jahre später liest man im Vorwort seines Ortsfamilienbuches Weitenau und Wieslet (1998) weiterhin vom Verlust dieses Buches: Bis heute wurde das verschollene KB nicht mehr gefunden (S. VI).

Dies Buch enthalt die von 1726 bis 1739 Geborenen, Gestorbnen und Copulirten – im Vorsatz kein Hinweis auf Wieslet.

Ob es wirklich an der von Martin Keller kritisierten Gleichgültigkeit der zuständigen Amtsstellen lag, dass dieses Wiesleter Kirchenbuch unentdeckt blieb, lässt sich nicht mehr prüfen. Es ist aber festzuhalten, dass es eine äußerlich unscheinbare Gestalt und keinen Titel aufweist.

Es geriet den Mitarbeitenden des Landeskirchlichen Archivs in die Hände, als sie im Mai 2022 bei der Sichtung der Unterlagen des Altdekanats Schopfheim etwa 150 Kirchen-, Familien- und weitere Amtsbücher mit nach Karlsruhe zum Zweck einer Sicherung und Sichtung brachten. Erst die gewissenhafte Einsicht in jenes Buch ließ es zweifelsfrei als das vermisste Kirchenbuch verifizieren.
Dieses Buch hat den äußeren Anschein eines Befehlbuchs und lässt die Kasualhandlungen dieser 14 Jahre nur nebensächlich erkennen. Ein Erklärungsversuch dafür, dass es „nicht ohne Weiteres“ zugeordnet werden konnte.
Ein wahrer Fundus ist dieses 193 Doppelseiten umfassende Buch aber auch deshalb, weil es neben einem Befehlbuch (mit Register) einen liturgischen Kalender („Texte und Lieder“), Zensus- und Kirchenrüge-Statuta, die Wiesleter Pfarrbesoldung, Notata über das Visitationsprotokoll 1762 sowie die „Schulhauß u. Collect“-Ordnung (1765) enthält.
Es handelt sich also bei diesem Buch neben seinem herausragenden Wert als familienhistorische Quelle um ein für die orts(kirchen)geschichtliche Forschung außerordentlich wertvolles Stück.
Es wird – wie bereits der Gesamtbestand unserer Kirchen- und Familienbücher – digitalisiert und steht in diesem Format im Kirchenbuchportal sowie in unserem Lesesaal (vgl. PDF-Findmittel) für eine Einsicht (endlich wieder) bereit.