Enogrin gegen Magenleere. Ergreifende Zeugnisse im Nachlass des Dekans Friedrich Bossert (1885-1963)

10. Oktober 2019 | | , ,

Die Magenleere ist ein Problem für Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Doch das ist nicht das einzige, was aus dem neu erschlossenen Nachlass Bossert herauszulesen ist. Aber auch an der Heimatfront sieht die Lage nicht rosig aus, was zum Beispiel der Papiermangel sichtbar macht – Dekan Friedrich Bossert schreibt lieber noch einige historische Fakten auf die Rückseite eines Briefes anstatt diese ungenützt zu lassen. Doch trotz solcher Sparmaßnamen mussten spätere Briefe auf Todesanzeigen des Onkels geschrieben werden. Von solchen, damals ganz alltäglichen Ereignissen, die heute jedoch kaum mehr vorstellbar sind, berichtet der Nachlass Bossert.

Friedrich Bossert wurde am 3.12.1885 als Sohn des Bierbrauers Daniel Bossert in Ladenburg geboren. Nach dem Theologiestudium und der Vikariatszeit war er im I. Weltkrieg Kriegsteilnehmer und wurde 1916 mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Danach wurde er im April 1918 zum Pfarrverwalter und im Oktober 1918 zum Pfarrer von Schönau bei Heidelberg berufen. Am ersten November 1934 schließlich trat er die Pfarrstelle in Neckargemünd an und wurde zugleich Dekan ebenda. Anfangs noch Befürworter des Nationalsozialismus, rückt Friedrich Bossert später davon ab, was Äußerungen wie „Heil Kakadu“ belegen.

Der Nachlass besteht hauptsächlich aus dem Briefverkehr seiner Söhne untereinander und mit der Familie daheim. Zwei Dinge werden sofort ersichtlich, wenn man sich diesen Nachlass anschaut. Zum einen ist Familie Bossert eine besondere Familie, die bedingungslos zusammensteht, sehr herzlich und innig verbunden ist und die schwere Zeit mit Humor zu meistern versucht. Zum anderen zeigen sich aber die Probleme des Krieges und wie stark die Familie durch ihn belastet ist.
So zum Beispiel in der Zeit nach August 1942, als der älteste Sohn Daniel gefallen ist, gut ein Jahr vor seinen Brüdern. Die grenzenlose Trauer wird ersichtlich und das Zusammenrücken der Familie, obwohl sie über das ganze Einflussgebiet des damaligen Deutschen Reiches verteilt sind. Nach dem Tod der anderen beiden Söhne, die innerhalb einer Woche fielen, bleibt den Eltern nur noch ihre Tochter, die durch die Kinderlähmung behindert ist.

Der Nachlass ist besonders, da er direkt aus dem Leben der Familie berichtet und dies aus den verschiedenen Blickwinkeln der einzelnen Familienangehörigen. Desgleichen malt er ein Bild des Lebens, das viele Familien im Krieg erlebten. Dieses ist gezeichnet von Leid, Trennung, Hunger etc., jedoch auch von Hoffnung, Liebe und Zusammenhalt im Zeichen der Not und des Krieges.

Mit 27 Akten und 0,2 lfden. Metern ist der Nachlass nun erschlossen und mit einem Findmittel recherchierbar.