„In diesem Haus bewahrheitet sich das Sprichwort ‚Not lernt beten‘.“ – Gefangenenseelsorge im Dekanat Mannheim nach 1945

19. August 2020 | | , ,
Gefangenenseelsorge ist eines von vielen Arbeitsfeldern, dem die Pfarrer*innen nachgehen. Das obige Zitat stammt aus dem Archiv des Dekanats Mannheim, das unlängst erschlossen worden ist. Genauer gesagt hat ein Gefangener diesen Satz in einem Brief an seine Angehörigen im Frühjahr 1946 geschrieben. Anlass war ein Besuch des neu ernannten Bischofs Julius Bender (1893-1966) im Strafgefängnis Mannheim. Während der Veranstaltungsreihe „Geistliche Woche“ in Mannheim, die in jenem Jahr erstmals abgehalten wurde, weilte der Landesbischof in der Quadratestadt und suchte auch diese Anstalt auf, um eine Predigt über Lk. 15,11-32, das Gleichnis vom verlorenen Sohn, zu halten. In diesem zitierten Brief sowie in weiteren Schreiben, die auszugsweise an den Landesbischof weitergeleitet wurden, wurde gerade dieses Gleichnis durchaus positiv aufgenommen. So schrieb ein anderer Gefangener an seine Mutter vom „Besuch des Herrn Landesbischofs, welcher eine zum Herzen gehende wundervolle Predigt hielt.“ Aus dem Brief eines dritten Gefangenen heißt es: „Es war wirklich eine Feuerstunde [sic!] für uns Alle und ein Erlebnis und zeigte uns, daß unsere Kirche ihre Schäflein auch hier nicht vergessen hat.“
Das Schreiben des Anstaltsleiters an den Landesbischof, in dem diese Zitatauszüge enthalten sind, ging in einer Abschrift auch dem Dekanat Mannheim zu und landete dadurch in der Akte zur Gefangenenseelsorge (Nr. 290). Neben diesem Brief enthält die Akte u.a. auch Schriftwechsel zu einem Gnadengesuch für eine Inhaftierte, zur Betreuung von entlassenen jugendlichen Mannheimern oder einen Brief eines Strafgefangenen, den er gerne über das Gemeindeblatt öffentlich bekannt geben wollte (Abb.).
Der Bestand liefert einen Überblick über die Geschichte des Dekanats Mannheim im 19. und 20. Jahrhundert. Inhaltliche Schwerpunkte sind u. a. Unterlagen zu den Bezirkssynoden und dem -kirchenrat, zur Ökumene, zu Pfarrkonventen und -konferenzen, zur Führung des Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums in Neckarau, zur Schiffermission oder zu den Krankenhauspfarrämtern. Insgesamt hat der Bestand einen Umfang von 427 Verzeichnungseinheiten bzw. 5,7 lfd. Meter bei einer Laufzeit von 1811 bis 2018. Er lagert im Landeskirchlichen Archivs in Karlsruhe und das Findbuch des Bestands ist auf der Homepage veröffentlicht.
Gefangener R. Gießler an die Ev. Gemeinde Mannheim, 1951
Erste Seite des Briefes von Robert Gießler an die Evang. Gemeinde Mannheim (20.01.1951) [LkA KA, 043. Mannheim, Nr. 290]